Eine unsachliche, tendenziöse Schreiberei, voller Vorurteile und subjektiver Einordnungen. Gesponnen von Max Meis.

Lothars erstes Date

Hin und wieder kommt es vor, dass Durchreisende am Bielefelder Hauptbahnhof ausgespuckt werden und dort erstmal verweilen müssen. Sind die ersten Flüche auf die Bahn verhallt, geht der Weg zum Infoschalter, nur um herauszufinden, dass nichts mehr geht und der Aufenthalt wohl ein paar Stunden dauern wird. Der Frust verebbt erst über der Zwiebel-rosigen Oberfläche einer heimischen Metthälfte und einem Becher Altöl-Käffchen.

Lothar ist so ein Bahnopfer – Lothar aus Freiburg. Er hockt in der überfüllten Bielefelder Bahnhofshalle und hat den Kaffee auf. Der Pappbecher fliegt in die Tonne und Lothar tritt hinaus, auf den Bahnhofsvorplatz. Grau in Grau jagen sich Wolkenfetzen am Himmel, die Luft ist frisch und kühl. Leicht aufgeweckt schlendert der Gestrandete los und langsam wächst die Bereitschaft in ihm, Bielefeld eine Chance zu geben.

Er weiß nichts über diesen Ort und den Landstrich, der ihn umgibt. Schon gar nicht über die Menschen hier – er kennt niemanden aus der Region. An einer Steinbank lehnt ein Pappschild, darauf hat jemand eine hutzelige Eule mit riesigen Augen gekritzelt und in großen Lettern geschrieben „OWL heißt dich Willkommen, liebe Bärbel“

Tatsächlich schleichen die Passanten an diesem kühlen Wintertag wie lautlose Eulen um die Häuserblocks. Bloß nicht angesprochen werden. Blick nach unten, Flügel schlagen und wech.

Lothar ist keine 50 Meter gegangen, da warnt ihn ein Mann in der Uniform einer Security-Firma, er solle seinen Jutebeutel lieber nicht so achtlos über die Schulter werfen, hier gäbe es „Ratten“, die es auf seine Habe abgesehen hätten. Der Freiburger schaut sich um und erblickt eine Truppe Trunkenbolde direkt am Eingang zur U-Bahn, die ihn freundlich angrinsen.

U-Bahnhof, genannt „Die Tüte“

Keine Dreisam, keine lieblichen Wasserläufe durch historische Gässchen, keine Romantik. Als Lothar einen Passanten anspricht, ob Bielefeld auch Wasser hätte, zuckt der nur mit den Schultern. „Geht so, ne. Aber is nich schlimm, kannste wenigstens nich besoffen reinfallen.“ Augenzwinker. Lothars Geduld für „Liebefeld“ und OWL ist am Ende. Er wendet sich wieder dem Bahnhof zu, will lieber dort warten, als hier weiter auf Granit zu beißen.

Der mürrische Leineweber

Wieder einmal hat die Stadt am Teutoburger Wald ein erstes Date verspielt. Sie ist eben eine von jenen verschüchterten, aber liebenswerten Damen, die erst beim zweiten oder dritten Treffen ihre Sprache finden – das Mauerblümchen unter den deutschen Großstädten.

Warum sage ich das?

Nun, ich selbst komme mittlerweile hier „wech“. Geboren wurde ich in der verbotenen Stadt oder „Telgte-West“, wie man hier in Bielefeld zu sagen pflegt. Grund für die Ablehnung der, nur rund 60 km Luftlinie entfernten, Stadt, sind zwei verfeindete Fußballklubs und der historische Graben zwischen Katholiken und Protestanten. Die verbotene Stadt, das habe ich festgestellt, hat ein anderes Selbstverständnis, als die Trutzburg im Osten vom Westen. In der verbotenen Stadt nämlich, glauben Mann, Frau und Kind, dass sie auf einem wunderschönen Edelstein leben. Das ist hier anders, obwohl Bielefeld tatsächlich größer ist als M***ter. Die gegenseitige Ignoranz geht sogar so weit, dass eine gute Zug- oder Autoverbindung aus meiner Sicht absichtlich verhindert wird. Mit dem KFZ lassen sich die gut 60 km nicht unter einer Stunde und 15 Minuten überwinden, meistens dauert es aber deutlich länger, weil ein LKW auf der Landstraße schleicht, oder ein MS-Kennzeichen dich wegen deinem BI-Kennzeichen ausbremst.

Erste Begegnungen mit Ostwestfalen sind zäh.

Es sei denn es ist Schnaps im Spiel. Nach 19 Kurzen könnte es nämlich passieren, dass der Ostwestfale auch mal was persönliches von sich preisgibt.

Es braucht Geduld und dauert lang, den „Menschenschlach“ zu erreichen. Die ostwestfälische Seele liegt versteckt, wie ein Tümpel im Teutoburger Wald, gefüllt mit Blättern und Wurzelwerk. Wer sich die Mühe macht, das Geflecht zu durchdringen, der findet irgendwann, wie Bilbo Beutlin, einen goldenen Ring. Der glänzt, kann dich aber auch unsichtbar machen. Er ist der Kern der ostwestfälischen Seele. Wer ihn finden will, muss hartnäckig sein und im Wirrwarr des Blattwerks viel ertragen können.

Der „gemeine Ostwestfale“ kann freilich auch eine Ostwestfälin sein. Ich möchte jetzt aber nicht anfangen Ostwestfalen neudeutsch in einem Wort zu gendern. Ostwestfal*in oder so? „Klingt komisch, also lassen wir das“ – ein Satz, der übrigens vom Ostwestfalen selbst stammen könnte. Also: „Der Ostwestfale“, der auch eine Frau sein könnte – und auch in Kindern kann man ihn manchmal schon entdecken. Ein Mensch, eindeutig ohne Hang zur Überschwänglichkeit, aber trotzdem liebenswert.

Der Ostwestfale ist gerne bei sich

Zu Anfang meiner Bielefeld-Zeit dachte ich oft, wenn etwa beim Bäcker nicht zurück gegrüßt wurde: „Oh… schwierig.“ Aber heute liebe ich dieses Verhalten. Der überschwängliche Pessimismus, wenn ein Meckerrentner bei Arminia-Bielefeld-Spielen wieder ein 0:3 voraussagt, wenn die Truppe einen guten Tag hat versteht sich (OK, in letzter Zeit sind solche Statements auch hier weniger geworden, da Arminia ungewohnter Weise kaum noch für Kopfschütteln sorgt). Oder die Selbstironie, wenn das ganze Stadion dem Gegner aus Wolfsburg „Ihr könnt nach Hause fahrn“ zuruft, noch eine Stunde nach Abpfiff. Dabei ist man gerade mit einer 0:4-Schlappe aus dem Pokal geflogen. Das löst sogar bei TV-Experten eine ostwestfälische „Gänsehautentzündung“ aus.

Ostwestfalen haben einen eigenwilligen Humor, den nicht jeder versteht. Keine abgedroschenen Schenkelklopfer, Witz-komm-raus-Lachbrüller à la Mario Barth, sondern eher ein von Ironie und Sarkasmus geprägtes Amüsement, begleitet von einem leichten Anflug einer drohenden Depression. Ich mag das. Erzwungene Albernheiten a la Mario Barth sind nach Jahren der Ostwestfalisierung nur noch schwer zu ertragen.

Das Werk eines Bielefelder Plakatklebers

Euphorie kennt der Ostwestfale auch, er drückt seine glückselige Stimmungslage nur anders aus. Wo der Rheinländer schon dreihundert Mal „jebüzzt“ hätte, kommt dem Ostwestfalen maximal ein „kann man so machen“ über die Lippen, begleitet von einem halbgaren Schulterzucken.

Seine expressive Art lässt sich auch beobachten, wenn es mal etwas zu feiern gibt. In Bielefeld braucht man dafür nicht den Karneval, als Lizenz zum lustig sein, hier geht’s auch ohne Anlass. Gehen die Klänge richtig ins Ohr, dann kann man bei genauem Hinsehen erkennen, wie die ostwestfälischen Fußspitzen langsam aber stetig auf und nieder wippen. In anderen Kulturkreisen würden jetzt schon wild die Hüften zirkeln, hier, lässt sich die Ekstase maximal zum erhobenen Zeigefinger steigern, der im Takt vor und zurück zuckt. Der Mut einen richtigen Tanz zu wagen, muss hierzulande erst angetrunken werden.

Ich empfehle ein Experiment: Einfach auf der Straße grüßen oder ein lautes „frohes Neues“ oder „frohe Ostern“ zurufen: Der OWLer schreckt verstört zusammen, grüßt dann aber manchmal – fast versehentlich – zurück.

Ein Anruf genügt

Auch wenn er schwer zugänglich ist, der Ostwestfale… Hat man ihn einmal geknackt, dann geht er mit dir durch Dick und Dünn. Unser lieber Freund Lothar aus Freiburg zum Beispiel, hatte immer wieder gehört, dass in diesen Breiten gerne Schnaps getrunken wird. Ganz von der Hand weisen lässt sich dieses Vorurteil sicher nicht, denn der Ostwestfale beschließt eine Freundschaft, oder zumindest gegenseitigen Respekt, gerne mit einem „Schluck“. Im ländlichen Raum ist das meistens „Klarer“ – Korn oder Wacholder. Wobei die Frauen traditionell eher den roten Wacholder „wegschnäppern“. Und hat man dann zu viel vom „Schluck“ geschluckt, weil man vielleicht zu euphorisch war und an einem Abend zu viele ostwestfälische Freunde gewonnen hat, dann endet die Heimfahrt um zwei Uhr nachts im Graben. Und dann ist der Moment da, wo der Ostwestfale seine unumstößliche Treue zeigt. Mitten in der Nacht steht er mit roter Nase und hochgekrempelten Ärmeln da und zieht den Karren aus dem Dreck. So isser halt.

Dickköpfe

Was aber wieder richtig nerven kann, ist die herrliche Sturheit, auf die mancheiner hier nahezu stolz zu sein scheint. So fahre ich etwa in eine kleine Straße hinein, auf der meinerseits Autos parken. Laut der heiligen Kuh mit dem sexy Namen „Straßenverkehrsordnung – StVO“ muss ich warten, bis der Gegenverkehr durch ist. Hab ich verpennt und stehe jetzt vor einer dicken Motorhaube, aus der quiekende Schreie ertönen, wie aus einer Ferkelmast. Dahinter die Windschutzscheibe und wieder dahinter ein eulenartiges Gesicht, mit aufgerissenen Telleraugen und klauenartigen Händen am Lenker, aus denen die Knöchel weiß hervorstechen. Ein Ausweichen auf den abgesenkten Bordstein ist diesem Exemplar offenbar nicht möglich, es besteht stur auf sein Recht, bis ich, und weitere aufgestaute Autos, wie eine abgeschleppte Eisenbahn zurücksetzen müssen.
Ostwestfälischer Feldherr auf Schlacke

Auch schön, wenn hier in Ostwestfalen ein Konflikt nicht ausgesprochen, sondern stattdessen auf unbestimmte Zeit der Kontakt eingestellt wird. So wie der Amateurfußballer aus Bielefeld-Sieker, der wegen einer Meinungsverschiedenheit auf dem Bolzplatz, kommentarlos nach Hause ging, daraufhin das Telefon ignorierte und über zehn Jahre jede Begegnung mit seinem Team verweigerte.

Oder ein Ereignis an einem kalten Wintermorgen in Bielefeld-Mitte: Mein greiser Mazda wollte mal wieder nicht anspringen und otterte nur so vor sich hin. Ich sah schon meine Felle davonschwimmen, als doch noch ein friedliches Brummen erklang. Mir fiel ein, dass ich ein paar Dinge in der Wohnung vergessen hatte, ließ den Motor laufen und bewegte mich in Richtung Haustür. Eine große Dampfwolke entstieg dem kalten Motor und tauchte den Morgen in ein herrliches Weißgrau. Plötzlich erklang ein dumpfes, aber liebliches „Toktok, toktoktok, toktok“. Wie schön, dachte ich. Ein Specht, mitten in der Stadt, der im kargen Baumbestand eine warme Höhle hackt. Ich schob den Schlüssel ins Haustürschloss, da erklang das Gehämmer wieder, nur diesmal unnatürlich laut. Ich drehte mich um und sah ihm direkt in die Augen, dem Specht. Ein Mann Mitte 50 blickte entgeistert durch die geschlossene Scheibe gegenüber und signalisierte per Zeichensprache, dass ich den verdammten Motor abschalten solle, da ihm sonst der Erstickungstot drohe.

Zur Erinnerung: Dieser Ostwestfale ist keine frische Landluft gewöhnt, sondern lebt und wirkt mitten in der Innenstadt.

Ich lächelte freundlich und dachte, das muss ich kurz erklären und dann versteht der Mann, dass ich den mühevoll gestarteten Motor nicht einfach wieder abstellen kann. Per Zeichensprache signalisierte ich dem Wüterich, er möge doch das Fenster kurz öffnen, um dem gesprochenen Wort eine Chance zu geben. Da war er aber schon dazu übergegangen, den Scheibenwischer vor seiner Visage kreiseln zu lassen und mit der anderen Hand den Stinkefinger auszuklappen.

Tja, was man nicht alles mitmacht, ehe man untern Torf kommt, würde ein Freund aus Bielefeld jetzt sagen. Aber wenn man diese Alltagskomik einmal akzeptiert hat, dann mag man sie irgendwann. Oft enden die Sturheitskonflikte auch in herzhaftem Lachen, weil beide Seiten mal wieder besonders Stolz sind, auf ihre ostwestfälische Performance.

OWL

Nicht mit uns

Im Übrigen hat die Sturheit wirklich gute Seiten. Wenn wir Bielefelder auf irgendwas keinen Bock haben, dann haben wir darauf keinen Bock und zeigen es auch. Jüngstes Beispiel, als sich am 9. November 2019 über 14.000 Menschen einem elenden Haufen von rund 200 Nazis, Verschwörungsfanatikern und Holocaustleugnern entgegenstellte. Die Splitterpartei „Die Rechte“ hatte einige Skins aus dem Ruhrgebiet und anderen Regionen der Republik mobilisiert, um einer verurteilten Holocaust-Leugnerin zum 92. Geburtstag zu gratulieren – die dummer Weise in der JVA Bielefeld-Brackwede einsitzt. Der hiesige SPD-Bürgermeister (einer der letzten seiner Art), steht dann in der ersten Reihe und brüllt „Nazis raus!“ Er war auch der erste OB einer deutschen Großstadt, der öffentlich verkündet hat minderjährige Bootsflüchtlinge in Bielefeld aufzunehmen, wohlbemerkt entgegen der weitverbreiteten egozentrischen Stimmung in Deutschland, sich nur um den eigenen Vorgarten kümmern zu wollen. Der OB blieb ostwestfälisch stur bei seiner Meinung, die von vielen (nicht allen) Bielefeldern mitgetragen wurde.

Bei Arminia Bielefeld Heimspielen, wird der Stadionsprecher nie müde zu betonen, dass „NIEMAND den Teutoburger Wald erobert“. Und ja, wenn man die Menschen hier so erlebt, dann entstehen Bilder im Kopf, wie eine Meute wilder Langbärte und draller Dirnen, die Hänge des Teutos hinabstürmen, um die Eindringlinge mit ihren Keulen in den ostwestfälischen Lehm zu kloppen. „Stur, hartnäckig, kämpferisch“, wie es ebenfalls bei Arminia Bielefeld heißt.

Passend dazu auch der Schlachtruf „Ostwestfalen, Idiiiioooooten sch*** Armiiiiiniiiiiiaa Bielefeeeeeld“, mit dem die Arminen-Fans sich lauthals selbst veräppeln. Ein Verhalten, dass dem Zufallsgast Lothar aus Freiburg sicher auch nicht einleuchten würde.

Darauf einen „Schluck“, du kleiner Wachholder.

Es kann durchaus entlarvend sein, wenn die ersten, unvoreingenommenen Eindrücke niedergeschrieben werden, statt alles mit Wissen zu unterfüttern. Beim Titel habe ich mich bei gleichnamiger Gastro-Kette bedient, weil ich mich schon öfter gefragt hab, wie viel Bar in Barcelona steckt…

Um die Mittagszeit an einem wunderschönen Frühlingstag fahren wir über die Küstenautobahn, aus dem Süden kommend, in die weltberühmte Metropole und heimliche Hauptstadt der verhinderten Republik Katalonien.

Dank Google-Maps gelangen wir in ein Parkhaus in der Nähe der Rambla, der großen Flaniermeile, von der alle immer reden. Fast 50 Euro kosten hier 24 Stunden beschütztes Parken, egal, wir stellen unseren Golf zwischen Porsche Cayenne und Audi Q7 ab und treten ins Freie.

Ausgespuckt in einer Gasse, die so garnicht zu dem edlen Parkhaus passt, gehen wir in Richtung La Rambla, um einzutauchen ins pulsierende Leben von Barcelona.

In der Gasse zählen wir an die 30 Handyshops, betrieben von Pakistanis, wie uns ein Pizzabäcker verrät; verlebte Prostituierte, Drogenabhängige, komplett Desillusionierte. Ein unangenehmes Gefühl: lieber die Hände in den Taschen behalten, Handy und Portemonnaie eng umklammert. Nichts besonderes, Großstadt eben.

Dann stehen wir plötzlich auf La Rambla und gehen langsam Richtung Plaça de Catalunya, wie Google-Maps verrät. Auf den paar hundert Metern hören wir gefühlt alle Sprachen der Welt. Selfiesticks, klickende Kameras, vor den Bauch geschnallte Rucksäcke, panisch umklammerte Handtaschen. Dazwischen Straßenhändler, Tagelöhner, Kleinkriminelle, Polizei. Und immer wieder: „Coffee-Shop, fine Weed, good Price, 4G – only 20 dollars.“

Abgebogen in die Markthalle von St Josep, stehen wir eingekeilt im Gedränge. Offensichtlich kein Geheimtipp, aber beeindruckend. Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Gewürze, Tapas und und und… Und ein Eierstand:

Zurück auf die Rambla und dann stehen wir auf der Plaça de Catalunya in einer Taubenplage. Mein Opa hätte spätestens jetzt die Schrotflinte eingesetzt – wäre hier aber nicht erwünscht gewesen. Im Gegenteil! Die Masse der grau gefiederten Wesen wurde längst als Touristenattraktion entdeckt. Damen in weißen Gewändern laufen herum, streuen den Reisenden Reis in die Hände und helfen beim Erstellen des Tauben-Schusses – mit Smartphone, nicht mit Schrotflinte. Mein Opa hätte das nie begriffen – Gott hab ihn selig.

Jetzt zu Fuß zur Sagrada Familia, dem Wahrzeichen der Stadt. Häuserblock für Häuserblock zu Fuß. Orientierung ist leicht, denn jeder Block ist gleich groß – Schachfelder, begrenzt von Straßen, wie in den jungen Städten Amerikas. Warum das so geometrisch einheitlich ist? Keine Ahnung, habs nicht recherchiert, ist aber praktisch.

Barcelona wird „normaler“ mit jedem Schritt, den wir zwischen uns und La Rambla bringen. Leute, die hier leben, ihrem Tagwerk nachgehen, in den Tapasbars Mittag essen. Und dann, nach einer halben Stunde Fußmarsch, erhebt sich vor uns: La Sagrada Familia, die sagenumwobene Kathedrale von Gaudí, die auch die Euro-Münzen ziert; und die seit einer Ewigkeit restauriert wird. Eine riesenhafte Schönheit aus Stein, grazil und schwer zugleich, einfach atemberaubend. Auch wenn man sich immer wieder fragt, ob es richtig ist Millionen und Milliarden in alte Bauwerke zu stecken, bei dem Anblick ist es für einen Moment egal.

Zurück zum Plaça de Catalunya mit dem Bus, dann eine Nebenstraße der Rambla hinunter, zum Parlament von Katalonien. Groß über dem Eingang prangt Artikel 19 der Menscherechts-Charta: „Das Recht auf freie Meinung und Meinungsäußerung“. Und da wären wir bei der heißen Politik in Katalonien. Was wohl dabei rauskommen würde, wenn hier alle wirklich einmal frei ihre Meinung über ihr Verhältnis zum Rest von Spanien äußern dürften. Also ganz ohne Knüppel, Verhaftungen und Flucht. Von vielen Hausfassaden grüßt jedenfalls eine einhellige Meinung.

Auf dem Weg zurück zum Auto: Auf der Rambla locken jetzt überall Kellner in die charmanten Sitzgruppen unter Zeltplane. Auf ein kühles Bier, Paella für unter 10 Euro, das Leben genießen.

Eine Gruppe Hare-Krishna-Verehrer tingelt die Rambla hinab. Frauen mit Seidentüchern vorneweg, die die Touris zum Tänzchen einladen. Einhaken, einmal im Kreis, Selfie und dabei „Hare-Krishna, Hare, Hare“ aus einer scheppernden Box auf einem Bollerwagen.

Umkreist wird die Gruppe außerdem von einer vollgepumpten Dame mit weit aufgerissenen Augen, die ständig mit Stinkefinger und Faust droht. Und immer wieder den Zeigefinger zu einer Pistole formt, mit der sie einen Krishna nach dem anderen abknallt – zumindest in ihrer Drogenverschleierten Welt scheint das gerade so abzulaufen.

Wäre Barcelona in der Tat eine Bar, dann eine, in der alle zuhause sind: Die, die Caviar fressen und Martini schlürfen, die, die am MacBook sitzen und wichtig sind, die, die die anderen bedienen, die, die nur ein Bier trinken, und eben jene, die rotzevoll unterm Tresen liegen.

„Der Karren steht immer noch nicht gerade“, schimpft Hubert und schlägt dem Ei wütend den Kopf ab. Else sagt nichts. Minutenlang klappern nur Kaffeetassen, Messer und Eierlöffel im Innenraum des silbergrauen Campingwagens.

Ein Furz zerreißt die Stille, aber auch der bleibt unerwidert. Beide haben sich dran gewöhnt, dass die Luft immer öfter ohne Passierschein entweicht. Ist halt so, da kann man nichts machen. Vor allem Else hat’s mit den Flatulenzen. Aber nach über 40 Jahren Ehe, erträgt die Beziehung so einiges.

Wortlos steht Else auf und beginnt mit dem Abwasch. Ein bißchen Pril aufs Schwämmchen, alles einmal durchwischen, mit klarem Wasser abspülen und zum Trocknen abstellen.

Hubert blickt immer noch entgeistert in seine Kaffeetasse, in der der letzte Schluck noch hängt und ein Problem offensichtlich macht: Der verdammte Wagen ist nicht in Waage! Dabei hatte er doch immer wieder die kleine Wasserwaage bedient und das Gefährt mit den Metallstützen perfekt nivelliert.

Wütend stapft er ins Freie und stolpert dabei fast über Schröder, den alten Schäferhund. Dann sieht er das Problem und erschrickt. Eine der eisernen Stützen am Heck des Wagens hat dem Rost nachgegeben und ist durchgebogen. Genau an der Seite auf der Hubert immer pennt.

„Hab dir tausend Mal gesagt, du sollst dich abends nicht so ins Bett schleudern“, hört er Else sagen – ihre ersten Worte heute. Sie steht neben ihm, Kreuzworträtsel und Kuli in der Hand. Hubert grunzt nur mürrisch. In der Tat erinnerte er sich, dass bei seinem abendlichen Ritual ein leichtes Knacken zu hören war: Die 100 Kilo auf die Bettkante absetzen, Schlappen in hohem Bogen direkt vom Fuß in die Besenecke feuern, vorbeugen, Arme ausstrecken und mit Schwung nach hinten, so dass er mit dem Kopf direkt vor der Heckscheibe zum Stillstand kommt. „Knack“ – ja so muss es passiert sein. Nur das ging Else jetzt nichts an. Die liegt jetzt eh schon auf ihrer Bahre in der Sonne und zerbricht sich die Rübe über ihren Kreuzworträtseln.

Hubert hat jetzt wenigstens ein Projekt. Er nickt zufrieden, steigt in den greisen Ford Mondeo und lenkt vom Campingplatz. Richtung: Baumarkt – einem seiner Lieblingsorte.

Problem nur, dass er in Südspanien ist und nicht im heimischen Ottmarsbocholt. Er nimmt allen Mut zusammen, hält an, kurbelt die Scheibe herunter … und:

„Donde esta la … ähm … Baumarkt, Obi, Hornbach, wie auch immer… Bauhaus. Mist.“

Irgendeins der Worte, die Hubert abgefeuert hat, bringt die ältere Dame, die er angequatscht hat, in Fahrt. Wild gestikulierend deutet sie nach links und rechts und geradeaus, begleitet von einem Wortschwall von dem der Arme Hubert garnichts mitnimmt. „Gracias“, entfährt es ihm und er drückt das Gas durch.

Am Nachmittag taucht der olle, aber gut gepflegte, Mondeo endlich wieder auf. So sehr ihr Hubert sie auch nervt, wenn er zu lange wegbleibt, schalten sich die Sorgen automatisch ein bei Else. Sie schimpft ihn aus – Gewohnheit – er hört kaum zu.

Einen Baumarkt hat er nicht gefunden, der Mondeo ächzt aber unter der Last einiger Waschbetonplatten, die er an einem verwaisten Schotterparkplatz aufgelesen hat – ständig von der Angst geritten erwischt zu werden.

Jetzt ist der 100-Kilo-Mann erschöpft und freut sich über den aufgestellten Klapptisch, die Kekse und die hässliche Kaffeekanne. Später, nach einem Schläfchen, wird er den Wagen neu aufbocken.

Ein Projekt.

Sonst..: Nichts. Außer dem Üblichen.