Von Levin Meis (20), seit Januar 2018 in Brasilien unterwegs.

Bahia, schon der Name strahlt einen Teil des Rhytmus und der Schönheit von diesem brasilianischen Staat aus. Mit einer Fläche so groß wie Frankreich, ist Bahia längst nicht der größte Staat der Föderation, dafür umso berühmter.

Die am nördlichen Küstenabschnitt gelegene Großstadt Salvador, repräsentierte die portugiesische Kolonie über Jahrhunderte als Hauptstadt und stellt bis heute ein kulturelles, wie wirtschaftliches Zentrum an der Ostküste Südamerikas dar.

Hier landeten die vollgepackten Sklavenschiffe und brachten eine unüberschaubare Anzahl Afrikaner ins Land, welche über Jahrhunderte die Wirtschaft der Portugiesen auf ihren Schultern tragen sollten.

Der afrikanische Einfluss spiegelt sich bis heute besonders in der Kultur wieder. Vieles, wie Religion oder Musik und Tanz, wurde beibehalten und hier, fern von den Kap Verden oder der Elfenbeinküste, auf eigene Art bewahrt. Dieser Stil, der über die Jahre immer aufgeschlossen war für neue Einflüsse, ist ein wichtiges Standbein der brasilianischen Identität geworden.

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Aber auch die Probleme Bahias, egal wohin man schaut, sind offensichtlich. Allgemein gilt in Brasilien, dass der Wohlstand, je weiter es nach Norden geht, immer weiter abnimmt. So gibt es in Bahia viele Menschen, die mit wenig klarkommen müssen und unter der Armutsgrenze leben.

Viele Baianos wohnen in einfachen Holzhütten, in kleinen Dörfern auf dem Land, umgeben von einer Natur, die so reich ist, dass sie schon ohne Bewirtschaftung viele Menschen ernähren könnte.

Biegt man in einer ländlichen Region kurz von der Straße ab und begibt sich auf einen kleinen Spaziergang durch den Wald, ist schnell deutlich, wie reichhaltig dieser Teil des atlantischen Regenwaldes ist, der sich fast über ganz Brasilien erstreckt. Papayas, Mangos, Avocados, Bananen, Ananas und eine unüberschaubare Anzahl essbarer Pflanzen füllt hier die Vegetation aus.

So ist es auch in der Umgebung von Itacaré, eine Kleinstadt, die sich in den letzten dreißig Jahren von einem fast unerreichbaren Fischerdorf zu einem touristischen Hotspot gewandelt hat. 250 km südlich der Hauptstadt Salvador, ist Itacaré heute ein hipper Surferort, der ein stetig wachsendes internationales Publikum anzieht.

Die Wellen und Strände haben Itacaré so bekannt gemacht, dass die besten Surfer der Welt sich hier regelmäßig den heranrollenden Wassermassen stellen.

Das Surfen verleiht der Kleinstadt den Flair, der die Reisenden der Welt so magisch anzieht.

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Weiter im Landesinneren, weg von den Reisebürokatalog-Stränden, gelangt man immer näher an den wahren Spirit von Bahia, von dem im ganzen Land erzählt wird. Das direkt an einem Fluss gelegene Dorf Taboquinhas verkörpert viel davon. Schon über 150 Jahre leben die Bewohner hier vom Kakao, der bis heute reichhaltig in den umliegenden Wäldern wächst. Die Bauern haben ihre kleinen Fazendas im ganzen Umland verstreut, überall da wo Platz ist und vorher niemand wohnte. Adresse? Baugenehmigung? Nicht nötig.

Auch hier sind die Leute eher arm als reich, unzufrieden scheinen sie aber nicht zu sein. Die Mentalität versprüht vielmehr Frohmut in einem sehr ausgeprägten Sozialleben.

Geht man allein durch eine mittelgroße Stadt in einer anderen Gegend der Welt, wird man meist allein und in Ruhe gelassen. Hier jedoch, sind Diskretion und Anonymität ein Ding der Unmöglichkeit. Taboquinhas lässt dich nicht einmal 25 Meter zur nächsten Padaria (Bäckerei) gehen, ohne dass du von mindestens drei Leuten überschwänglich begrüßt und in ein Gespräch verwickelt wurdest. „Mal eben Brötchen holen“ – nicht möglich, ohne wenigstens 30 Minuten aus dem Haus zu bleiben.

So sind Tugenden, die anderenorts in den großen Städten der Erde, sehr geschätzt werden, hier nahezu verpönt. Baianos sind von Natur aus lässig und entspannt. Alles läuft etwas langsamer ab und frei von irgendeinem Leistungsdruck.

Hier bleibt immer Zeit das gestrige Spiel der Selecaõ zu besprechen oder einfach den Alltag durch Pausen oder ähnliches ein wenig angenehmer zu gestalten.

In der idyllischen Natur der Umgebung liegen überall, von einfachen Pisten verbunden, die Häuser von Bauern und Arbeitern. Eine handbetriebene Fähre über den Fluss ist ganztägig von einem engagierten Bürger des Dorfes besetzt. Ein Fährmann, der mit dicken Lederhandschuhen das Boot an einem Stahlseil über den Fluss zieht und so die Bewohner von früh bis spät mit all ihrer Habe von einem Ufer zum anderen bringt.

Scharen von kleinen Affen bevölkern die Baumkronen der Wälder, die die Straßenränder der Region säumen. Entlang der Piste begegnen einem immer wieder Fußgänger, Reiter auf Maultieren, Motorräder und selten mal ein Auto, das von einer großen Staubwolke verfolgt wird.

Die meisten Menschen auf der anderen Seite des Flusses, leben in einfachen Hütten aus Holz und Stein. Das Leben dieser Baianos ist mit dem eines Selbstversorgers zu vergleichen. Viele pflanzen Maniok, Papayas, Bananen und andere essbare Früchte und profitieren von den Gaben des Waldes.

Ein Leben das vielleicht so manchem Europäer nicht genügen würde. Die Menschen der Hügel von Taboquinhas, geben sich jedoch damit zufrieden, sie sehen das Positive.

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Selbst die Bauern, die mit harter Arbeit die Kakaobäume in den Tiefen des Waldes ernten und pflegen, geben sich mit dem zufrieden was für ihr Leben reicht. Fast täglich ziehen sie, bewaffnet mit Macheten, in die Wälder, um sich den Pflanzen zu widmen. Sicher eine erfüllende Arbeit, zwischen riesigen Bäumen den Kakao zu pflegen und bei jeder Gelegenheit die bunten Früchte des Urwalds zu genießen. Jedoch fehlt oft eine Art ökonomischer Gedanke, der Arbeit und Lebensbedingungen vieler Leute hier verbessern könnte.

So leben viele Kleinbauern ganz allein von den Kakaobohnen der Wälder. Die Erträge der Bäume können allerdings von Jahr zu Jahr stark schwanken. Aggressiver Pilzbefall oder eine anhaltende Trockenphase können die Ernten stark dezimieren und dann hat die Familie noch weniger.

Dabei hätten andere Bäume und Sträucher, die sich rund um den Kakao in die Höhe recken, auch so viele Möglichkeiten zu bieten. Überall wachsen schließlich Früchte, zusätzlich Nelken, nutzbare Palmen und vieles mehr. Eine Chance die nur selten genutzt wird, denn diese Reichtümer werden von den Bauern oft einfach links liegen gelassen.

Die ungenutzten Möglichkeiten, grenzen den Wachstum der kleinen Fazendas erheblich ein. Den Männern Untätigkeit vorzuwerfen, wäre allerdings auch falsch. Sie arbeiten nicht nur hart und lange unter der schweißtreibenden Sonne von Bahia, sie bilden auch regionale Zusammenschlüsse. Dort werden Gedanken über die Vermarktung der Bohnen ausgetauscht, sowie über die Nachaltigkeit und Biodiversität des Waldes. In regelmäßigen Treffen arbeiten die Farmer an einer organischen Landwirtschaft, frei von Herbiziden und anderen Chemikalien. So werden die Schätze des Waldes mit zunehmendem Erfolg für die Zukunft gesichert. Wälder und Böden, stellen die natürlichen Ressourcen der Bauern von Taboquinhas dar, von denen hier sehr viel abhängt.

Die Menschen hier zu bemitleiden wäre ebenfalls falsch! Auch wenn das Leben hier sehr einfach ist, sind nur die wenigsten unglücklich.

Einige Europäer suchen diesen Spirit von Bahia und beginnen hier ein neues Leben, fern von den Zwängen der großen Städte. Die Einheimischen schätzen die Zuwanderer sehr und nehmen jede Hilfe im Anspruch. Viele der Neulinge sehen die Probleme mit anderen Augen und können anhand ihrer Erfahrungen aus Europa, die Abläufe des Alltags verbessern.

Die Bildungsrate in vielen Gebieten Brasiliens und speziell Bahias, ist auch heute noch erschreckend niedrig. Analphabetismus ist verbreitet und Bildungslücken fallen immer wieder auf. Selbst praktizierende Lehrer beherrschen oftmals ihr Fach nicht ausreichend, um das nötige Wissen zu vermitteln. Das Beispiel einer Englischlehrerin verdeutlicht das. Sie unterrichtet Kinder und Jugendliche und regelmäßig auch Erwachsene, ist aber selbst nicht in der Lage eine englische Konversation zu führen.

So sind die Bildungsmöglichkeiten, die weitreichende Chancen bedeuten könnten, von vornherein eingeschränkt. Eine Herausforderung für Zukunft das zu ändern.

Doch auch wenn die Leute hier mit unzähligen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und neue Probleme schon in der Zukunft bereitstehen, ist der eigentliche Reichtum der Menschen aus Frohmut und Gelassenheit gemacht. Ein Gut, viel wertvoller, als jeder brasilianische Real je sein könnte!

 

Von Levin (20), seit 8. Januar 2018 in Brasilien unterwegs.

Brazil. Rio de Janeiro. Visconde de Maua.

Fern der massenbevölkerten Häuserschluchten von Rio de Janeiro und Sao Paulo, liegt in mitten der Serra Negra das kleine Dorf Visconde de Maua oder einfach Maua.

Im stetigen Wechsel von Regen und Sonne, wird hier ein ganz anderer Rhythmus gefahren, als ihn die meisten „modernen“ Menschen kennen.

Zwischen den postkartenreifen Tälern und Wäldern, angrenzend an den über 80-jährigen und damit ältesten Nationalpark Brasiliens, leben die Einheimischen in Frieden und Entspannung ein einfaches aber gutes Leben.

Auch wenn die Serra im Sommer oft tagelang in dichte Vorhänge aus Wolken gehüllt ist, so dass man das Auto des Nachbarn kaum vom Dunst unterscheiden kann, arbeiten die Leute hier rege, hart, doch nur selten abnutzend und gestresst.

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Ein Großteil der Einheimischen arbeitet für sich und so auch meistens für die Nachbarn und die anderen Bewohner der Gegend. All die unterschiedlichen Fähigkeiten eines jeden, werden überall gebraucht: Ob der, auf dem Bau talentierte, Nachbar mal wieder den, irgendwie gefährlich wirkenden, Kabelsalat vor der Haustür fachmännisch ordnen soll, oder ein anderer sich mal eine halbe Stunde unter den schon wieder verdächtig stotternden VW Käfer legt, untereinander wird sich geholfen, ganz ohne Rechnung und Finanzamt, wäre doch auch langwierig und unnötig kompliziert.

Und kann der Eine das Tagwerk des Anderen, aufgrund akuter Finanznot, mal nicht mit barer Münze entlohnen, tun das auch ein paar neuwertige Plastiktonnen, eine importierte Taschenlampe oder einfach ein paar Wochen Wartezeit, bis der passende Betrag zusammengetragen ist.

Niemand hat hier besonders viel, aber das Fehlende vermissen nur wenige, es gibt wichtigeres zu tun. Die Touristen werden das Geld herbringen, ob morgen oder in unbestimmter Zukunft ist eher zweitrangig. Im Paradies lebt man ja schon, da kriegt man den Tag auch ohne Medienbeschallung und dickem Konto rum.

Fährt man bis zum Ende des Tals und biegt, kurz vor den üppigen Wasserfällen, in eine staubige, rote Piste ein, gelangt man irgendwann in die Nachbarschaft von Paolo. Auch hier kreist an sonnigen Tagen der Rabengeier „Urubu“ und die vielen Kolibris klappern knatternd an der ungeheuren Blütenpracht entlang.

Paolo, der studierte Tourismusexperte, baut auf seinem Land nach und nach Hütten, die er dann an Besucher vermietet. Auch bei ihm ticken die Uhren anders, kein Druck von Oben, er ist sein eigener Chef.

Genau der Grund, warum er sich GEGEN ein klassisches Arbeitsleben in der Stadt entschieden hat und FÜR eine Art Austeigerleben in den Bergen der Serra Negra. Wasser kommt aus dem Fluss und der Strom, wenn es gut läuft und nicht der Blitz mal wieder die Energieversorgung für ein paar Tage lahmgelegt hat, aus der Dose.

Sein Land hat Paolo vor 15 Jahren als festgetretenen Weidegrund erworben. Davon ist heute nichts mehr zu erahnen. Über knapp 1500 Quadratmeter erstreckt sich ein dichter Wald von höchster Vielfalt: Mangos, Ananas, Zitronen, Bananen, Avocados und diverse Kräuter, hier ist fast alles zu finden – Paradies eben.

Das Wachstum der Pflanzen ist hier also eher zu bekämpfen als zu fördern. Überall auf dem Gelände gibt es Baustellen, herumliegende Bretter, Baustofflagerplätze oder einfach ein, noch nicht fertiges, Projekt. Ein organisierter Bürger Deutschlands würde diesen Stil vielleicht als „Messitum“ bezeichnen und vieles als Müll, aber wozu, es geht doch voran.

Die Erklärung von Paolo zu der Sachlage hier, wäre eher so: Es ist eine weitreichend genutzte Recyclingkultur, als nachhaltige Alternative zur wachsenden Wegwerfgesellschaft in anderen Teilen der Welt. Mit dem Konsumwahn der stetig wachsenden und immer globaler auftretenden Gesellschaft, ist Paolo gar nicht einverstanden.

So wird hier nur vegetarisch gegessen und das Essen kommt aus den umliegenden Dörfern der Region. Auch die Energie wird möglichst Lokal generiert und verbraucht. Die Natur und das Land sind hier die höchsten Güter und das versucht Paolo in seinem permakulturellen Leben immer zu berücksichtigen.

In Maua, zwischen den grünen Bergketten und rauschenden Bächen, kann man das Glück auch ohne viel Vermögen finden. Eine Katastrophe könnte die Erde heimsuchen, während hier die Sonne in den Abendstunden den Nebel der Berge in ein helles Licht taucht. Und man wäre sich sicher, dass der nächste Tag genauso friedlich und still zu Ende geht wie dieser.

Wäre da nicht das ständige „Gib Laut“ der Hundemeute.

 

Seit meinem letzten Blog-Eintrag aus China, bin ich noch einiges schuldig geblieben. So hat der aufmerksame Leser sicherlich gemerkt, dass die Tour in Shanghai noch nicht zuende war. Richtig, dort waren wir am Ursprung des China-Abenteuers von THE IGNITION angekommen: „Papas Bierstube“ von Iris und Yang, das Wirtshaus, in dem 2011 alles begann. Außerdem haben wir in Shanghai von den Zipfelklatschern gehört, dem Sündenpfuhl Zapatas, Mückes Tattoo und dem Yuyintang Livehouse.

Nach alledem gings noch drei Tage weiter: Zunächst Xuzhou, eine Stadt, die von uns den Namen „Loch“ bekam, weil sie wie ein Dorf wirkte. Dass auch dieses „Loch“ fast neun Millionen Einwohner hat, brauche ich glaube ich nicht mehr zu erwähnen. Trotzdem wirken diese Riesenstädte manchmal wie Dörfer, weil abends einfach nichts geht… Die Bürgersteige sind hochgeklappt und es hat vielleicht EINE Kneipe geöffnet – Spielhallen oder Karaoke-Kabinen ausgenommen, aber damit kenne ich mich nicht aus.

Das Konzert in Xuzhou war echte Pionierarbeit. Der Schuppen hatte zwar, wie immer in China, teures Live-Equipment, sah aber ansonsten aus wie ein Blumenladen aus den 70ern. Die Knaben und Mädchen vor der Bühne machten, wie immer, alles mit, diesmal sprach aber wirklich nur eine einzige Person ein paar Brocken Englisch und so musste Tim immer wieder warten, bis seine Ansagen ins Chinesische übersetzt waren. Danach liefs aber auch hier wie immer: „Klatscht in die Hände“ – Händeklatschen, „Springt auf und ab“ – Aufundabspringen, „Singt den Refrain mit“ – Refrainmitsingen… Und nachdem der letzte Ton verhallt war, waren alle Gäste in zwei Minuten weg. „Vielleicht hat der Hamster noch Geburtstag“, fiel Norbert als mögliche Erklärung ein.

Dann kam der „13 Club“ in Tianjin an die Reihe: In dieser weiteren Millionenstadt war wieder mehr los. Vielleicht lags daran, dass hier alles für den chinesischen Touristen hergerichtet war. Es gab die „Spanish Street“, das bayerische Wirtshaus und Venedig in Miniaturform. Außerdem, wieder einmal, eine riesige Kathedrale aus Plastik. Alles frei nach dem Motto: „Warum ins Ausland reisen, wenn wir uns das Ausland selber machen können?“

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Die „Kathedrale“ von Tianjin

Am 8. Oktober 2017 fuhren wir mit 300 km/h in Peking ein, dem chinesischen Zuggeschoss sei Dank. Zehn Tage zuvor waren wir genau hier angekommen, aber jetzt schien alles anders. Ein Leben lag gefühlt zwischen Ankunft in China und dem Hier und Jetzt. In all der Überforderung des Moments, war es eine weise Entscheidung raus zu fahren aufs Land, genauer gesagt, zur Chinesischen Mauer. Mit einem wackeligen Skilift, der Norbert die Schweißperlen auf die Stirn trieb, gings rauf in Wolken verhangene Berge und ich merkte plötzlich, dass es auf einmal still wurde. Nur ein leichtes Vogelzwitschern war zu hören, als wir am Ende der, für Touristen sanierten, Mauer standen und auf die historischen Ruinen der übrigen zigtausend Kilometer Mauer blickten. In der Ferne nur drei schwankende Gestalten, mit einer Pulle Sangria, die das alte Gemäuer erkundeten – Ukrainer im Urlaub, wie sich später herausstellte. Warum ich die Stille erwähne? Ganz einfach, in den zehn Tagen war es der erste Moment ohne Motorenlärm, Menschengeschrei, Klimaanlagen oder Hardrock. Für eine naturverbundene Person, wie mich, durchaus erwähnenswert.

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Zurück in Peking enterten wir die legendäre Tempelbar. Ein Ranking über der Theke gab an, dass ein, sicher bekloppter, Ami hier 20 Jägermeister in 25 Sekunden gekippt hat. Genau der richtige Ort für das letzte Konzert der Chinatour 2017 von THE IGNITION. Ein Hotel war nicht gebucht, um vier Uhr morgens gings also knallvoll und hundemüde direkt zum Flughafen. Zum Glück war der Airbus A380, in Fachkreisen auch „Flattermann“ genannt, nur halb voll. Wir konnten uns also langmachen und pennen, während wir über dem Himalaya ordentlich durchgeschüttelt wurden.

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Nach 10 Tagen Rock’N’Roll

Jetzt ist es Februar 2018 und wir haben das Erlebte weitestgehend verarbeitet. So viel sei jetzt feierlich verraten: Es wird bald eine Filmpremiere im Kino geben von einer neuen DOWNSIDEUP-Doku, diesmal aus China. ROCK CHINA ROLL. In den nächsten zwei Wochen gibt’s mehr dazu!

P.s.: Und wer nach der Lektüre meiner Texte noch Lust auf Rock’N’Roll in China hat, dem sei dieses Radiofeature über die Tour ans Herz gelegt:

WDR 5, Neugier genügt am 30. Januar 2018

Von Levin Meis, seit 8. Januar 2018 in Brasilien unterwegs.

Brasilien, das größte Land Südamerikas. Riesig, bunt, positiv und negativ.

Sollte man einen, aus vielen Staaten bestehenden, Kontinent wie Europa mit nur einem Land vergleichen, würde man meinen: Brasilien ist fast genauso groß und die kulturelle Vielfalt fast genauso vielfältig. Trotzdem aber, ist alles anders…

Hier quatscht man einfach so mit Leuten, denen man nie begegnet ist und die man wohl auch kein zweites Mal treffen wird. Aber man redet miteinander.

Brasilianer halten zusammen, das Land hat eine Art gemeinsamen Nenner.

Fragt man etwa einen Brasilianer, was denn das Beste an seinem Land wäre, geht die Unterhaltung oft so:

“The best of Brazil…? The best of Brazil are the Brazilians!”

Man findet die eigene Eigenart gut, ist aber trotzdem freier von Vorurteilen, als mancher Europäer.

Was nach meinen bisherigen Erfahrungen – ich bin jetzt zwei Wochen hier – zumindest in die „Top Five“ der „Best things of Brazil“ gehört, ist der oft unerwartete aber erstklassige Service!

Hier werden einem so einige Mühen erspart.

Beim Einkauf im Supermarkt etwa, wurde mir tatkräftige Hilfe angeboten: Beim „lästigen“ einpacken meiner Einkäufe, kam unerwartet ein Mitarbeiter und übernahm den Einpack-Vorgang für mich. Mir – dem deutschen Gringo – war das natürlich unangenehm, aber bevor ich Einspruch erheben konnte, war die Ware schon akkurat in diverse Plastiktüten platziert. Blieb also nur ein kurzes „Obrigado“ und das abgreifen der Tüte, damit der nächste Kunde bedient werden kann. Vielleicht war ich dem Personal auch einfach nur zu langsam, aber ich habe das einfach mal als selbstverständliche Hilfestellung verstanden.

Beim Besuch eines italienischen Restaurants gabs, neben Pizza, ebenfalls ausgezeichneten Service. Am Rande sei vielleicht gesagt, dass die Restaurant-Szene und das angebotene Essen in Sao Paulo weltweiten Ruhm genießt. Nicht wenige behaupten, dass das Sushi hier, das Sushi des fernöstlichen Urhebers deutlich übertrifft.

Auch beim Italiener wurde die vorzügliche Pizza nur vom Engagement eines, äußerst eleganten, Garçon übertroffen. Kam also die Bestellung zum Tisch, zeigte ich bloß auf das Stück das mir am meisten zusagte, damit der Kellner es sanft auf meinen Teller legt. Nach dem ersten Happen, ging es um den nächsten Teil des Wagenrads.

Also erneut den schicken Kellner herangewunken, der wiederum den Teller vorhält, damit die Entscheidung für den nächsten Teil der Mahlzeit fallen kann. Eine sehr bequeme Art sich zu ernähren.

An einem anderen Abend steuerte mein brasilianischer Amigo Guilherme seinen weißen Honda Civic in Richtung einer besonders angesagten Bäckerei.

Bei dieser Bäckerei, mit zugehörigem „International-Supermarket“, gibts den berühmten „Service do Brasil“ schon, bevor man den Laden überhaupt betreten hat.

Natürlich mussten wir vorher den Civic irgendwo parken. Aber nicht nach deutscher Manier 20 Minuten suchen und dann 20 Minuten zum Ziel laufen, nein, das läuft hier anders:

Gui stellte den Wagen einfach in eine Einfahrt und stieg aus. Ich sah ihn an und fragte, ob er wirklich in dieser Einfahrt parken will, die kurz vorher noch lebhaft benutzt wurde. Die Antwort: nur ein lachendes Kopfschütteln.

Natürlich wurde die Karre vom Personal in einen Parkplatz bugsiert, damit der Kunde, nach Essen oder Einkauf, bequem und ohne Aufpreis wieder abdüsen kann.

So einen Premiumservice kannte ich bisher nur aus Filmen, etwa von den schicken Herbergen in die 007 während seiner Eskapaden gerne eincheckte.

Hinterfragt man diese Zusatzleistungen, was ich gerne mal tue, gelangt man schnell zu den sozialen Schieflagen in Brasilien. Die paar Beispiele, die ich aufgeführt habe, stehen sicher nur exemplarisch für eine Vielzahl andere, aus anderen Lebensbereichen.

Außer vielleicht dem fürsorglichen Kellner, sind die restlichen Helferlein Exempel für das Schaffen von Jobs, die nur gemacht werden, weil es für die Menschen keine Alternativen gibt. In einer wohlstands-geschwängerten Gesellschaft wie Deutschland, findet man für solche Aufgaben keine Leute. Knochenarbeit machen nur noch Ausländer, der Rest holt sich einen Krankenschein oder Hartz IV. In Brasilien ist das anders.

Das Land ist nach wie vor in einer wirtschaftlichen Entwicklungsphase, viele Leute stehen ohne Arbeit und geregeltes Einkommen da.

Aber, auch wenn Servicekräfte keinen großen Lohn bekommen, haben sie doch ein paar Reals in der Tasche und etwas zu tun. So helfen sie den „Glücklicheren“ bei ihren alltäglichen Lasten – oder Lästchen. Die einen sparen Zeit und Nerven, die anderen haben eine Chance auf Verdienst. Kann man sehen wie man will und die Frage ist, ob es ohne „Service do Brasil“ besser wäre…

Um die Mittagszeit finden wir uns im Biergarten einer zünftigen bayerischen Schenke wieder. Der Kopf brummt noch gewaltig von der Nacht in Nanjing – irgendwie hatten wir dort doch noch Alkohol aufgetrieben, nachdem das nüchterne Forrest Festival zu Ende war. Ich komme ins Grübeln, während die Bedienung sechs Maßkrüge Weißbier auf den Tisch donnert. Ins Grübeln deshalb, weil wir schon wieder in einer neuen Stadt sind. Irgendwie mussten wir es geschafft haben, trotz durchfeierter Nacht, von Nanjing nach Shanghai zu fahren, denn dort sind wir jetzt – eindeutig.

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Ordnung muss sein!

Die Stimmung ist gelöst, ja sogar euphorisch, denn die Band ist am Ursprung ihrer China-Karriere angekommen. In „Papas Bierstube“ durften sie vor über fünf Jahren ihr erstes Konzert spielen. Damals war das ein Experiment, das erstaunlich gut funktionierte. In der vollgepackten Bierstube kam Hardrock damals richtig gut an, erinnert sich die Wirtin Iris. Sie ist zu einer guten Freundin geworden, der immer ein Besuch abgestattet wird, wenn die Band in Shanghai Station macht.

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Iris lacht laut und viel und verbringt den Nachmittag mit uns bei „Kutscherschnitzel“ und selbstgebrautem Weißbier. Sie selbst trinkt nichts. So muss sie das handhaben, denn sonst würde sie hier zum Alkoholismus genötigt, sagt sie. Nicht nur von der Band, sondern den anderen Gästen auch. Eine Wirtin, die mit einem Kunden trinkt, muss mit allen trinken und das endet niemals gut. Deshalb hat Iris, die vor vielen Jahren aus Deutschland nach Shanghai auswanderte, sich klare Regeln auferlegt.

Ihr Mann heißt Yang und sitzt auch mit am Tisch. Er trägt einen blauen Maßanzug, hellgelbes Hemd, eine stylische gelbe Brille und er raucht Zigarre – geiler Typ. Ihm zu Ehren stimmen wir nacheinander „Yang Man“ (Village People) und „Forever Yang“ (Aplhaville) an. Der Gute fühlt sich sichtlich geehrt.

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Iris und Yang

Auch wenn das wirklich originelle „Kutscherschnitzel“ noch nicht ganz in den verkaterten Körper will, plätschert das Weizen schon wieder gewaltig die Kehle runter und die Stimmung wird immer ausgelassener.

Wir bedauern es sehr das jährliche Bierfestival in Papas Bierstube verpasst zu haben. Es war schon Anfang September mit den legendären Auftritten der Aschaffenburger Zipfelklatscher. Mit ihrer bayerischen Volksmusik klatscht jeder Zipfel munter durch die Nacht, sind wir uns sicher.

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Man beachte die Sponsoren

Aber genug der bayerischen Hochkultur, wir sind schließlich im Reich der Mitte. Unsere eigene Mitte müssen wir nach dem Besuch bei Iris und Yang erstmal wiederfinden, denn leicht orientierungslos sind wir schon nach 6 Litern Weißbier pro Kopf.

Also ein wildes Umarmen zum Abschied und dann ab in die City zu einer japanischen Showküche. In dem Restaurant finden wir uns um eine heiße Metallplatte versammelt wieder, mit einem Menü in der Hand, das wir (mal wieder) nicht durchschauen. Weder Personal, noch Koch verstehen Englisch, also wird, wieder einmal, mit Übersetzer-Apps gearbeitet und irgendwie bestellt. Das einzige was sicher ist, ist die Bier-Bestellung: Mit abgespreiztem Daumen und kleinem Finger – wie der Surfergruß – signalisert man dem Chinesen die Zahl 6 und sagt dazu „píjiǔ“. Prompt bringt der Kellner sechs eisgekühlte Tsingtao.

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Natürlich kann Bandleader Tim es nicht lassen unseren Showkoch, der an der heißen Platte seinen Posten bezogen hat, zum Bierkonsum zu überreden. Nach anfänglichen Versuchen dankend abzulehnen, gibt er sich geschlagen und zieht dann genüsslich beim Kochen die Bierchen weg. Wenn er dabei nicht mit scharfen Messern jongliert hätte, hätte ich mich wohl entspannt, so aber verfolge ich jede seiner Bewegungen aufmerksam. Plötzlich reicht der Manager wieder seine Übersetzer-App rein: „Prepare Your Cameras, the cook will dance for You“, steht da. Wir glauben zunächst, dass da irgendwas „lost in translation“ ist, aber dann setzt der Mann sich tatsächlich eine dunkle Brille auf, ein schneller Elektro-Beat setzt ein und der Koch führt eine Art „Gangnam-Style“ auf. Die Zipfelklatscher wären stolz auf ihn.

Das Essen war lecker, wie immer zu viel und der angetrunkene Koch hat uns nicht mit seinen Messern erdolcht. Mit dieser Feststellung wollen wir zum „Yuyintang Livehouse“ aufbrechen und ein beschwipstes Konzert spielen, als uns einfällt, dass heute ja der einzige Konzert-freie Tag der Tour ist. Erleichterung macht sich breit und wir nehmen uns stattdessen ein Taxi ins Zapatas, Shanghais legendärem Nachtclub.

Über dem Eingangsschild steht bereits geschrieben „What happens in Zapatas, stays in Zapatas“ und daran will ich mich auch hier halten. Nur so viel: Auch wir hätten die Zipfelklatscher schwer beeindruckt.

Am nächsten Tag gabs wieder einen Auftritt von THE IGNITION, alles andere habe ich vergessen… Ach ja: Roadie Mücke hat sich irgendwo in Shanghai tätowieren lassen. Aber das wars dann glaub ich.

„Oans, zwoa, g’suffa!

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Yuyintang Livehouse
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Mücke unter der Nadel

Angekommen in Nanjing, der südlichen Hauptstadt Chinas.

Bis zur Gründung der Volksrepublik durch die Kommunisten im Jahr 1949 war Nanjing immer wieder alleinige Hauptstadt. Seitdem aber, hat die nördliche Hauptstadt Beijing (Peking) das Rennen für sich entschieden und Nanjing zur Provinzhauptstadt von Jiangsu degradiert.

Doch für die Band bietet Nanjing immer noch einen Empfang, der einer Hauptstadt würdig ist. Am Bahnhof erwartet uns Ting, eine wuselige 22-jährige, die sich um die deutschen Hardrocker kümmern soll. Draußen warten zwei große SUV’s mit getönten Scheiben, die die Band zum Hotel bringen sollen. Im Stadtverkehr merken wir sofort dass hier ein anderer Wind weht, als noch in Xinxiang, Zhengzhou oder Wuhan. Die Straßen sind breit und sauber, alles wirkt moderner und – außer Assistentin Ting – nicht mehr ganz so wuselig.

Die Band ist sichtlich zufrieden mit der Organisation in Nanjing und als wir uns dem Hotel nähern, müssen sie aufpassen nicht gänzlich in Schockstarre zu verfallen. Echten Rock-Superstars würdig, halten die dunklen SUV’s vor einem riesigen Wolkenkratzer, der so aussieht, als wäre er gestern fertiggestellt worden. Tim, Nobby, Pidde, Michi und Mücke nicken grinsend mit den Köpfen – alles standesgemäß.

Nachdem wir die Zimmer bezogen haben – hoch über Nanjing, mit Badewanne am Panoramafenster – treffen wir uns unten in der Lobby. Überrascht schaue ich in lange Gesichter. Die Euphorie der Band über die kaiserliche Unterbringung scheint verflogen.

„Was ist los?“ frage ich Pidde, den Schlagzeuger: „Es gibt kein Bier“ lautet die knappe Antwort. Ting, das wuselige Helferlein, hat den Jungs eine Liste für ihre Backstage-Verpflegung vorgelegt und ist jetzt in Erklärungsnot. Zur Auswahl stehen dort Wasser, 7 Up, Instant-Coffee und Kokosmilch. Für den kleinen Hunger noch Schokoriegel und Erdnüsse. Rock’N’Roll ohne Drugs, das kommt nicht gut an bei den Deutschen.

Wir steigen wieder in die dunklen SUV’s, die uns zum „Forrest Festival“-Gelände bringen sollen. Auf dem Weg sehen wir riesige Gebäude links und rechts, nagelneue Highways, aber keinen einzigen Laden, um die Biervorräte aufzustocken. Dafür halten wir irgendwann an zwei riesigen Bühnen mit Live-Bildschirmen und gigantischer Lichtshow. Davor kreischen tausende Chinesen in Regencapes, denn es saut seit Stunden vom Himmel.

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Jetzt wird’s richtig wuselig: Kaum aus den Autos ausgestiegen, schwärmen aus allen Richtungen Volontäre auf uns zu, die Bandequipment tragen und Schirme halten. Vor allem die Schirmhalter nerven schnell, denn sie folgen uns auf Schritt und Tritt. Angekommen im Backstage-Zelt mit Aufschrift THE IGNITION, werden die Nerven nochmal arg auf die Probe gestellt. Ting legt ein Vertragswerk in chinesischen Schriftzeichen vor, mit der Erklärung, dass die Band vor dem Konzert kein Bier trinken darf und nur die sechs Songs vom aktuellen Album erlaubt sind. Außerdem dürfen keine anzüglichen, pornografischen oder politischen Botschaften übers Mikro kundgetan werden. Bandleader Tim fällt ganz tief in seinen Sessel, während draußen auf der Bühne ein Püppchen seichte Schlagerlieder trällert.

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Letztendlich fängt die Band sich wieder, rappelt sich auf, schüttelt die Schirmträger ab und stromert übers Festivalgelände. Und da lichten sich die Mienen schnell wieder, denn dass Rockstar-Feeling ist zurück. Wo sie auch auftauchen wollen die Leute Selfies und Autogramme. Bassist Michi fasst zusammen: „Die kennen uns nicht, wissen aber, dass wir gleich auftreten und sind jetzt schon begeistert von uns – unglaublich!“

Alkohol gibt es auf dem riesigen Gelände nicht, nur Zuckerzeug und Fressbuden.

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Dann ist es soweit: Um 18:30 Uhr, also nach Sonnenuntergang, nimmt THE IGNITION die riesige Bühne in Besitz. Während auf der zweiten Bühne noch ein seichtes Popkonzert läuft, machen die Jungs aus Tönnishäuschen Soundcheck. Abermals frage ich mich: „Wie soll das gehen? Wie soll eine Hardrock-Band dieses Pfadfinderlager in Wallung bringen und die jungen Chinesen von Schlager und Pop auf Hardrock trimmen?“ Langsam wird’s voll vor der Bühne. Wir blicken mittlerweile auf ein Meer aus Regenponchos, Schirmen und bunten Knicklichtern – etwa 15.000 Leute.

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Die ersten Riffs ballern über die vielen Köpfe hinweg und siehe da, Gekreische und Jubelschreie setzen ein. In Sturm und Regen geht das Konzert richtig ab, frieren muss hier sichtlich keiner mehr. Direkt vor der Bühne bildet sich ein riesiger „Moshpit“, den die vielen Polizisten aufmerksam beäugen. Das geschubse und rumgehüpfe können sie, glaube ich, nicht ganz einordnen: „Ist das gefährlich?“, „Wird hier demonstriert?“ oder „Wiegelt die Band die lieben Mädchen und Buben auf?“

Aus den erlaubten sechs Liedern macht THE IGNITION, sehr geschickt, mindestens zehn, indem sie einige Songs so aneinanderreihen, dass sie wie ein Lied klingen. Die Sittenwächter vor der Bühne merken nichts. Nach 45 Minuten ist die Show abgefackelt und die Masse tobt.

Gute Gelegenheit für die stocknüchterne Band sich ihren Rausch im Publikum zu holen. Ein Bad in der Menge, Selfies und Autogramme, können auch so einige Endorphine freisetzen.

Geht doch!

Angekommen in Zhengzhou, der dritten Stadt auf der Tour, stehe ich vor einem Strommasten und beobachte eine kleine Gruppe Spatzen, die in einem gigantischen Salat aus Kabeln und Drähten umherflattern. Von dem Knäuel verteilen sich die Kabel in die umliegenden Plattenbauten und Fressbuden. Irgendwie beruhigt dieses geordnete Chaos und hilft das Durcheinander im eigenen Kopf zu entwirren. Bei dem rasanten Tempo mit dem wir durch das Riesenreich rasen, bleibt der Geist manchmal auf der Strecke.

Solch eine Kabelkonstruktion, wie an der Straßenecke in Zhengzhou, hätte der TÜV Rheinland wohl nicht abgenommen. Es scheint aber zu funktionieren. Immer wieder staune ich über die kleinen Nischen, in denen die Dinge noch alt und provisorisch wirken. Im Kontrast dazu: eine durchtechnisierte Gesellschaft, Bauboom und Gigantismus.

Am Abend steigt das Konzert im 7 LIVEHOUSE, einem hochmodernen Club mit einem kompletten Liveset auf der Bühne und Technik für mehrere zehntausend Euro.

Anders als am Vorabend in Xinxiang, sind heute einige Gäste da, die richtig gut Englisch sprechen. Ich interviewe ein Mädel (Anfang 20) an der Theke und versuche herauszubekommen was die jungen Leute in China so bewegt. Bisher wirkten sie alle sehr schüchtern, verschlossen und folgsam auf uns. „Was unterscheidet euch eigentlich von euren Eltern?“ frage ich, in Erwartung einer kurzen, schüchternen, wohlüberlegten Antwort. Aber dann überrascht mich meine Interview-Partnerin. Voller Emotion schildert sie mir, wie traditionell viele Familien in China leben, wie sie ihre Kinder von Neuem fernhalten wollen, dass Sex, Partys und Abenteuer meist völlig tabu sind. Sie schließt mit den Worten „Die jungen Leute werden China verändern“.

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Später beim Konzert sehe ich sie direkt vor der Bühne. THE IGNITION dröhnt aus den Boxen und sie tanzt, schüttelt die Haare, springt wie in Trance bis der letzte Ton verhallt ist. Wie die meisten Gäste tut sie das stocknüchtern und wenige Minuten nach Schluss muss sie nach Hause.

Im Schnellzug nach Wuhan am nächsten Tag, denke ich lange nach über die chinesische Gesellschaft. Mir scheint, dass sie ihr Streben nach freier Meinungsäußerung und Privatsphäre, der rasanten Entwicklung des Wohlstands untergeordnet haben. Bereitwillig lassen sie sich überwachen und durchleuchten, egal ob im öffentlichen Raum oder übers Netz. Sie funktionieren einfach und ordnen ihren eigenen Individualismus dem Fortschritt der Nation unter.

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In Wuhan nutze ich mit Tim und Pidde einige freie Stunden, um in die Innenstadt zu gehen. Mit der Kamera versuche ich einzufangen, wie sehr ein Europäer in chinesischen Millionenmetropolen auffällt. In einer vollgestopften Einkaufsstraße verfolge ich mit dem Sucher den blonden Schopf von Tim, der aus tausenden schwarzen Punkten herausragt.

Pidde und Tim wollen mir ein weiteres Beispiel für den Gigantismus in China liefern und zeigen mir eine Shoppingmall, wie ich sie noch nie gesehen habe. Unzählige Etagen, Shops, Boutiquen, Promo-Stände, Events, Verlosungen… Mir wird schwindelig. Aus der Mall raus, schieben wir über die „Spanish Street“, biegen von dort in die „German Street“ und stehen auf einmal vor einer gigantischen Kathedrale in gotischem Baustil. Wahnsinn – wie kommt die denn hier hin? Bauingenieur Tim traut dem Braten nicht, tritt an die Mauer und mach den Klopftest. Ein hohles Geräusch erklingt. Stein ist das nicht, so sein Fazit, eher Plastik mit Acryl verfugt. Ein Neubau also, aus Beton, mit Kunststoff verkleidet und auf alt getrimmt. Warum? Weil man‘s kann.

Als wir in das „Gotteshaus“ eintreten, wird die Verblüffung aber nochmal getoppt. Da sitzen Menschen in Betbänken, mampfen Burger, schlürfen Milchshakes und spielen an ihren Smartphones rum. Vor ihnen ein riesiger Bildschirm, auf dem Werbung läuft, und in den Seitenschiffen des ehrwürdigen Bauwerks Fastfood-Ketten.

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Mit all den Eindrücken beladen geht’s zurück zum Hotel und dann ins VOX LIVEHOUSE von Wuhan, den bisher spektakulärsten Club. Heute wird’s richtig voll und die Band ist entsprechend euphorisch. Nach dem ersten Lied sitzen aber – wie immer – fast alle Gäste noch im hinteren Bereich des Ladens und daddeln am Smartphone rum. Kein Problem für die erfahrenen Chinarocker aus Ahlen-Tönnishäuschen: „Please come in front of the stage“, lautet die Ansage von Bandleader Tim und nach einigem Gemurmel und Übersetzungen kommen alle vor die Bühne und so nimmt das Konzert seinen Lauf: „Clap Your hands“ – händeklatschen; „Jump up and down“ – auf und niederhüpfen; „Sit down on the floor“ – hinsetzen. Jedes Kommando der Band wird perfekt umgesetzt und am Ende sehe ich eine wilde, springende und kreischende Meute vor der Bühne. Und dann wird’s sogar etwas politisch. Tim kündigt an eine Botschaft an fu***ng Donald Trump und den Typen neben Südkorea senden zu wollen und alle sollen den Refrain mitsingen: „Kill Me, Kill Me – Shoot Me To Hell“ schallt es aus dutzenden Kehlen und alle haben sichtlich Spaß daran.

Ein kleiner Funke – eine Provokation – ist Übergesprungen von der Zündanlage aus Tönnishäuschen ins stille Riesenreich.

„Aufwachen, packen und ab!“, ist die Ansage von Tim in unserer „WeChat“-Gruppe, der chinesischen Version von WhatsApp. WLAN gibts an jeder Ecke und der Chinese kommuniziert mehr übers Smartphone, als im guten alten Gespräch. Aber westliche Sozialmedien sind tabu – so wills die Partei.

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Unser Fahrer wartet vor dem Hotel, schon leicht angefressen, weils bei uns länger dauert. Mücke fehlt… Er war in der Nacht zuvor übereuphorisch übers Ziel hinausgeschossen und hat seine 6 Wecker nicht gehört. Schlagzeuger Pidde hilft ihm auf die Socken.

Mit dem Zug solls heute weitergehen nach Xinxiang, einem Provinznest mit „nur“ 6 Mio Einwohnern. Unser Fahrer bringt uns zu einem gigantischen Gebäude – ein Flughafen? Nein, ein chinesischer Bahnhof. Einfach nur groß und jeder Koffer muss durch den Scanner.

Bis wir auf dem Gleis stehen sind unsere Tickets sicher 5 Mal den aufmerksamen Augen eines Kontrollettis ausgesetzt gewesen. Für viele Menschen muss es auch viele Aufgaben geben und so werden hier überall irgendwelche Posten aufgestellt. Am Zug – einer Bimmelbahn – ist schon eine lange Schlange. Grund 1: Ein weiteres Mal den Fahrschein vorzeigen. Grund 2: Seeeeehr viele Menschen wollen mit. Da unsere Reisegruppe 6 Koffer, 3 Gitarren, Bass, Trommel, Merchandise-Koffer und einige Rucksäcke dabei hat, ist die Tortur im Abteil perfekt.

Die wabernde Menge schiebt, drückt und schwitzt. Koffer werden mit Gewalt und Kreativität in die Ablagen gedrückt, aber: Es wird mit stoischer Ruhe ertragen, begleitet von schüchternem Lächeln.

7 Stunden Fahrt: Menschen hocken, stehen, kauern, sitzen, liegen und pennen in den absurdesten Lagen. Dann ist es irgendwann, irgendwie geschafft und die Band quält sich in Xinxiang aus der Bimmelbahn. Als zwischen Gleis und Ausgang wieder mehrfach die Fahrscheine gefordert werden, fühle ich eine gewisse leere im Hirnkasten, in dem ein buntes Fragezeichen hüpft. Aber zu viel Fragen gehört sich nicht im Reich der Mitte und so schweige ich und belausche die westfälische Mundart von Bandleader Tim, die sich den Kontrollettis widmet.

Recht schnell ist klar, dass Xinxiang nicht Peking ist. Hier sehen wir nicht einen einzigen Menschen ohne chinesische Gesichtszüge. Das Gewusel ist noch wuseliger und das Essen noch gruseliger. Von Hühnerfüßen über Oxenpenis und Augen, bieten die Straßenstände hier so einiges für den Fremdling ungewohntes.

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Hotel beziehen, Soundcheck, Auftritt, Speis und viel Trank. Das sind die festen Zutaten für jeden Tourtag. Heute spielt eine lokale Punkband den Support. Roger, ein alter Bekannter der IGNITION-Boys, und Sänger besagter Punk-Truppe, platzt in den Backstageraum und ein wildes Umarmen setzt ein. Mit einem Knall setzt der füllige Mann mit auffälligem Irokesenschnitt einen Plastikeimer auf den Tisch, der Inhalt: Fleischstücke mit Knochen, die so aussehen, als ob ein Schwein mit einer Axt in kleine Klumpen gehauen wurde. Schmeckt aber, denn Roger ist im wahren Leben Koch.

Ich versuche ihn zu interviewen, was nicht einfach ist, denn Roger und Band schreiben zwar englische Texte, sprechen aber nur eine kleine Wortauswahl. Die Instrumente haben sie sich selbst vor gerade einmal 8 Jahren beigebracht, als sie englische Punklieder hörten und geil fanden. Vielleicht ein gutes Beispiel chinesischer Jugend. Sie sind unglaublich gut darin Dinge zu kopieren, die sie aus der westlichen Kultur aufgeschnappt haben – das gilt übrigens für viele Lebensbereiche in China scheint mir: „No time to waste, just Copy & Paste.“

Vielleicht sollten wir Deutschen auch einfach mal was gutes nachmachen, statt immer unser eigenes Zeug zu entwickeln, was dann häufig nicht klappt (denk ich so zwischendurch).

Ganz perfekt ists aber auch nicht immer, gibt Roger mit breitem Grinsen zu: „What we write is not English, it’s Chinglish“ – wahrscheinlich ist auch das auf andere Bereiche übertragbar.

Egal: Rogers Band ist laut, macht wilde Moves und schüttelt die Gäste ordentlich durch, bevor Headliner THE IGNITION im „ARK LIVEHOUSE“ von
Xinxiang richtig am Kabel zieht (auch noch lange nachdem der letzte Akkord verklungen ist).

Rock ’n‘ Roll!

Am Düsseldorfer Flughafen ist die Band dann vereint. Roadie und Mädchen für alles „Mücke“ hüpfte in Oelde auf den RE 6, in Ahlen dann Sänger Tim und Gitarrist Norbert, in Hamm Schlagzeuger Pidde und in Essen schließlich Bassist Michi. Ich selbst, Kameramann und Greenhorn der Truppe, durfte diese Wiedervereinigung komplett miterleben.

Jetzt sitzen wir alle in schicken T-Shirts (auf dem Rücken 9 Konzerttermine in chinesischen Städten) im Terminal und stemmen das dritte Bier rein. Es ist 11 Uhr und das ganze nimmt Züge einer feucht-fröhlichen Kegelfahrt an. Die Rocker schreiben fröhlich Autogramme für eine feucht-fröhliche Damengruppe um die 50 und palavern wenig zitierfähige Zeilen.

Dann sitzen wir im Flieger, dann im Flughafen Dubai, dann wieder im Flieger und irgendwie sind immer Getränke griffbereit. Wenn das so weitergeht sind die Autogrammkarten schon unter die Völker gebracht bevor wir Peking erreichen.

In Peking wird die Band von Simone in Empfang genommen. Schnell eine chinesische Simkarte fürs Band-Handy besorgt und ab zum Hotel – Fahrt eine Stunde durch Verkehrsinfarkt.

Simone und der Fahrer amüsieren sich sichtlich, in reserviert chinesischer Art, über die harten Jungs aus Deutschland.

Einchecken, Soundcheck im „Dawn Till Dusk Club“ und dann mit Simone was essen. Durch enge Gassen, in denen an jeder Ecke irgendwas passiert, in denen Elektroroller dich ständig weghupen – schließlich sind wir im Hinterzimmer eines Restaurants und kapieren die Karte nicht. Letztlich einigen wir uns darauf, dass Simone mit ihrem Kumpel einfach irgendwas bestellt und wir das dann essen. Simone muss weiter, wir warten, während die Band lautstark deutsche Trinklieder schmettert. Die chinesische Großfamilie am Tisch nebenan ist begeistert (und das meine ich nicht ironisch).

Dann begräbt die Bedienung uns unter einem Berg von Essen, was zugegeben köstlich ist, aber ganz Tönnishäuschen sattgemacht hätte.

Zurück im „Dawn Till Dusk Club“, spielt bereits eine Experimental-Jazz-Kombo aus Norwegen. Wir haben schon sorgen, dass die die ca 50 Gäste vertreiben, bevor THE IGNITION um 23 Uhr zündet. Aber sie bleiben, nicken mit den Köpfen und starren auf Smartphones. Dann kommt ne russische Truppe dran: Musikstil Elektropop, der Sänger eine Kreuzung aus Dieter Bohlen, Mick Jagger und Captain Jack Sparrow. Aber der Mann kocht die Bude auf! Jubelschreie und Dancemoves und etwas weniger Smartphones. Und dann ist es endlich soweit. Tim, Nobby, Michi und Pidde nehmen die Bühne in Besitz und gehen von E-Pop auf Hardrock. Auch das klappt. Die Leute bleiben und die Show geht mächtig nach vorne. Dass Sänger Tim ständig Schwindelanfälle hatte, wie er später zugibt, merkt keiner. Roadie Mücke leistet ganze Arbeit, indem er die Chinesen mächtig aufmischt und die Show erreicht ihren Höhepunkt als Sänger Tim „German Style“ ein Bier stürzt, um auf den letzten Song anzustimmen. Begeisterungsstürme – darauf stehen die Chinesen.

Als wir denken, „jetzt ist’s geschafft“, gehts nochmal richtig ab. Clubbesitzer „69“ (auf der linken Hand eine 6, auf der rechten eine 9 tätowiert), lädt uns zu einer Gruppe Locals. Der Mann erinnert stark an „Mr. Chao“ aus dem Film Hangover: „I booked these Motherfuckers, because I love their shit. We met 3 years ago in Beijing and are friends ever since.“

In der Gruppe von „69“ feiert ein 8-jähriger Geburtstag und gibt uns was von seiner Torte ab. Dann haut sein Vater mongolische Lieder raus und eine Frau namens „Unna“ zeigt wilde Dancemoves.

Um drei im Hotel ist noch nicht Schluss. Als wir in die Lobby treten, schrecken überall Chinesen in Uniform aus dem Schlaf – ist schließlich rund um die Uhr besetzt, der Laden. Im Innenhof treffen wir dann auf drei Tee trinkende Männer, die auch schon bei „69“s Afterparty dabei waren. Wir können zwar nicht mit ihnen reden, setzen uns aber trotzdem dazu. Und dann gehts los: nach und nach bringen die Typen, Trockenfleisch, Trockenfisch, ein Hähnchen und anderes nicht identifizierbares Zeug. Zum Schluss noch Dosenbier von – Achtung: Köstritzer, Bitburger und Feldschlösschen. Als dann google-Translate auf dem Handy des einen Recken anzeigt „I like u little guy“, entscheidet Michi, dass wir gehen sollten. Vielleicht ein Missverständnis, vielleicht auch nicht. Vieles läuft anders in China, da fällt es schwer zu differenzieren.

4 Uhr- Licht aus.